Ist Gott wieder weg?

„Ist Gott jetzt wieder weg?“ fragt mich das ältere Kind, während wir zu dritt zum See spazieren. „Wie kommst du denn darauf?“ frage ich zurück. „Na wegen der Weihnachtsdeko“, lautet die Antwort. „Ah“, sage ich, ohne den Zusammenhang zu verstehen. Bevor wir losgingen, hatten wir noch schnell den Baum abgeschmückt und vor die Tür gestellt. Gerade noch rechtzeitig für den Abholtermin am nächsten Tag. Und weil wir schonmal dabei waren, hatten wir dann auch den restlichen Weihnachtsschmuck abgenommen und wieder im Keller verstaut. Aber was hatte das mit Gott zu tun? Das frage ich auch das Kind. „Du hast gesagt, dass Gott Licht in unser Leben bringt und man ihn da findet, wo ein Stern ist. Aber jetzt sind die ganzen Sterne und Lichterketten wieder weg“, antwortet es. „Weil die Weihnachtszeit jetzt vorbei ist“, sage ich. „Also ist jetzt alles wie vorher?“ fragt das Kind. „Nein, natürlich nicht“, rufe ich erschrocken und klinge dabei sicherer als ich mich fühle. „Sieht aber so aus“, sagt das Kind und blickt kritisch die Straße entlang. Und tatsächlich, auch bei den Nachbarn hängt keine Deko mehr. „Dabei war das viel schöner mit den vielen Lichtern und Sternen“, sagt es traurig. “Jetzt ist alles wieder so dunkel und überhaupt nicht hell. Nichtmal am Tag.“
„Da! Dern!“ ruft da plötzlich das kleinere Kind aus dem Kinderwagen und zeigt aufgeregt nach vorn. Sterne sind seit Weihnachten sein großes Thema. Der ausgestreckte Finger deutet auf eine kleine Familie, die uns entgegenkommt. Sie sind mit mehreren Greifzangen bewaffnet und eifrig damit beschäftigt, den Silvestermüll aufzusammeln, der selbst in diesem Jahr noch an einigen Stellen zu finden ist. Eines der Kinder trägt eine Jacke mit großen Sternen darauf. Ich muss lächeln. Der Vater bemerkt meinen Blick. „Irgendeiner muss ja anfangen“, sagt er. „Vieles beginnt doch im Kleinen.“ „Ja“, denke ich. „Mit Weihnachten war das auch so.“

 

Weihnachten ist nur der Anfang. Was von Weihnachten bleibt, das zeigt sich, wenn die Lichterketten wieder abgenommen wurden, alle Geschenke ausgepackt und die Besucher wieder nach Hause gefahren sind. Davon singt auch ein altes irisches Weihnachtslied. Dort heißt es:

Wenn der Gesang der Engel verstummt ist,
wenn der Stern untergegangen ist,
wenn die Könige und Fürsten heimgekehrt,
wenn die Hirten mit ihren Herden fortgezogen sind,
dann beginnt erst das Werk von Weihnachten:
die Verlorenen finden,
die Zerbrochenen heilen,
den Hungernden zu essen geben,
die Gefangenen freilassen,
die Völker aufrichten,
den Menschen Frieden bringen,
in den Herzen musizieren.

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