Gottesdienst am Sonntag um 10 Uhr

L: Liebe Gemeinde,

I.

auf dem Liedblatt finden Sie und findet Ihr eine Abbildung, die unseren heutigen Predigttext aus dem Lukasevangelium bildlich darstellt. Sie zeigt alle vier Möglichkeiten, was mit der Saat passieren kann, die im Gleichnis erwähnt werden, das Jesus erzählt.

Hören wir noch mal einen Teil des Textes.

5 »Ein Bauer ging aufs Feld, um zu säen. Beim Ausstreuen der Saat fiel einiges auf den Weg, wo es zertreten und von den Vögeln aufgepickt wurde.
6 Einiges fiel auf felsigen Boden. Die Saat ging zwar auf, verdorrte aber bald, weil die nötige Feuchtigkeit fehlte.
7 Einiges fiel mitten ins Dornengestrüpp. Die Dornbüsche wuchsen mit der Saat in die Höhe und erstickten sie.
8 Und einiges fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfache Frucht.«

Ist das denn eigentlich realistisch, was Jesus da geschildert hat?

Erfahrene Bauern können auch heute noch bestätigen, dass das nicht so verkehrt ist. Selbst heute, wo es Maschinen gibt, die die Saat mit erheblich größerer Präzision ausbringen können, als das damals zu Jesus Zeiten die Menschen konnten, geht immer noch ein Teil der Saat verloren. Die Samenkörner fallen z.B. auf Verbindungswege, die durch die Felder hindurchführen. Der Verlust mag nicht ein Viertel betragen, so wie in Jesus Schilderung, aber ein kleiner Teil der Saat ist auch in unseren Zeiten schon direkt beim Ausbringen verloren.

Für den Ernteerfolg ist auch immer noch das Wetter ganz entscheidend. Nicht anders als damals, als Jesus das Gleichnis erzählte. Ohne die richtige Menge an Regen, ohne Wärme in ausreichendem Maße wird es mit der Ernte nichts. Gerade in den letzten Jahren, da der Klimawandel deutlicher spürbar wird, kommt es vor, dass Teile der Ernte verdorren, weil es viel zu trocken ist, oder die Früchte sind kleiner und von schlechterer Qualität.

Trotz dieser frustrierenden Erfahrungen wird dennoch immer wieder neu die Saat ausgebracht.

Unerwünschte Pflanzen auf dem Acker gibt es auch heute noch. Und ebenso verschiedene Tiere, denen ein Teil der Ernte zum Opfer fällt. Beiden, den Pflanzen und den Tieren, wird meist mit viel Chemie zu Leibe gerückt.

Es ist daher tatsächlich so, dass möglicherweise nur ein Viertel der Saat aufgeht und Ertrag bringt, so wie in dem Gleichnis.

Wenn aber alles gut läuft, die Saat in gute Erde gelangt und alle sonstigen Voraussetzungen passen, dann liegt bald ein zarter grüner Schleier über dem Feld, erste Halme kommen hervor. Immer kräftiger wird das Grün und die Pflanzen wachsen weiter. Ähren schieben sich heraus, es kommt sogar vor, dass zwei oder drei aus einem Samenkorn hervorkommen. Jede neue Ähre trägt vielleicht 30 bis 40 Körner. Dann kann es tatsächlich passieren, dass aus einem Korn hundertfach Frucht entsteht, so wie Jesus es erzählt hat.

Trotz aller Mühen, trotz Rückschlägen und Verlusten berichten Landwirte davon, wie schön es ist, dafür zu sorgen, dass etwas wächst, so nah am Leben dran zu sein. Welche Freude es ist, wenn man nach der Ernte das Korn durch die Finger rieseln lassen kann und sieht, dass sich die ganze Arbeit doch gelohnt hat.

Man sieht, dass der Beruf durchaus seine schönen Seiten hat, aber es ist auch einer, der viel Einsatz und auch viel Idealismus erfordert und eine hohe Frustrationstoleranz.

 

In dem Gleichnis, das Jesus berichtet, wird nun Gott mit solchen Landwirten verglichen. Oder ist nicht eigentlich Jesus selbst der Sämann? Ist es vielleicht sogar denkbar, dass wir gemeint sind, die den Acker bestellen?

II.

Gott geht mit genauso viel Idealismus vor, wie der Bauer. Er sät die Saat aus und tut alles, damit die Samen gut wachsen können. Er freut sich, wenn sie sich gut entwickeln und es eine reiche Ernte gibt.

Die Samenkörner, die Gott ausbringt, sind gute Worte. Von ihnen möchte er, dass sie wachsen und sich ausbreiten. Aber er ahnt oder weiß schon, dass ein Teil seiner Worte keine Frucht tragen wird. Sie werden nicht aufgehen, werden verdorren. So wie die Saat durch zu wenig Wasser, durch Unkraut und Tiere bedroht ist, so bedrohen Geiz, Gier und Gleichgültigkeit, Hass und Hartherzigkeit Gottes gute Worte.

Aber Gott gibt nicht auf, lässt sich nicht entmutigen oder abschrecken. Er sagt nicht: „Ach, was soll das? Es wird ja – wenn überhaupt – ohnehin nur maximal ein Viertel der Saat aufgehen. Wozu also diese ganze Mühe?“ Gott ist ein Idealist. Er gibt den Menschenacker nicht auf. Er wirft nicht verärgert oder enttäuscht das Werkzeug in die Ecke und überlässt den Acker sich selbst, bis er von Unkraut überwuchert ist. Gott hört nicht auf, weiterhin seine guten Worte auszusäen.

III.

Und Jesus? Auch er ist nie müde geworden, diese guten Gottesworte auszuteilen. Zunächst hatte er nur einen kleinen Kreis von Jüngerinnen und Jüngern um sich geschart. Aber die Gemeinden wuchsen stetig, obwohl sie durch die Römer bedroht waren und die ersten Christen ständig um ihr Leben fürchten mussten. Mittlerweile gibt es überall Christen, mehr als eine Milliarde weltweit. In manchen Teilen der Welt sind sie auch heute noch wegen ihres Glaubens in Lebensgefahr. Aber das hat das Wachstum nicht aufhalten können.

Jesus hat viele gute Worte als Samen in die Welt gebracht, auf das sie wachsen. Vertrauen ist ein solches Wort. Erbarmen ein weiteres. Segen. Und immer aktuell: Liebe. Frieden.

Hoffnung heißt ein anderes Korn, Hoffnung auf eine gerechte Welt und auf Menschen, die aufeinander achten.

Noch ein anderes Korn heißt Barmherzigkeit. Mit einem solchen Blick schauen wir auf die Menschen, die uns begegnen. Und so werden auch wir angeschaut. Gott schaut uns mit barmherzigem, liebevollen Blick an, dessen können wir gewiss sein.

Jesus hat Gottvertrauen gesät und das Vertrauen darauf, dass Frieden möglich ist – ohne Gewalt.

Jesus hat uns zugesagt, dass jeder Mensch wertvoll ist. In jedem Menschen, ob klein oder groß, alt oder jung, völlig unabhängig von den vielen Unterscheidungsmerkmalen, die wir Menschen oft so wichtig nehmen, spiegelt sich Gott wider.

Jesus hat all diese Samenkörner in die Welt gesät.

Von Kindheit auf an ist diese Saat durch seinen jüdischen Glauben in Jesus Herz gelegt worden und hat dort Frucht getragen. Und dann hat er als Erwachsener selbst die Samenkörner genommen und hat sie durch seine Worte und Taten weit in die Welt hinaus gesät. Viele Menschen hörten gerne zu, was er von Gott erzählte und die Saat fiel oft auf fruchtbaren Boden.

IV.

Auch heute ist es doch noch genauso. Bei allen wichtigen Ereignissen in unserem Leben, ob nun Taufe, Konfirmation oder Trauung, vielleicht auch zum Schulbeginn oder wenn wir unseren Abschluss machen, werden uns gute Worte, Gottesworte, mit auf den Weg gegeben. Damit ist die Hoffnung verknüpft, dass wir wachsen und gedeihen, dass wir Kraft und Lebensmut daraus schöpfen, dass wir Gottvertrauen gewinnen. Solche guten Wünsche und Segnungen hören wir alle gerne.

Aber Gottes Worte kommen nicht nur zu solchen besonderen Ereignissen zu uns. Manch einer liest täglich die Losungen oder wir haben im Gottesdienst einen schönen Bibelvers gehört, der uns besonders berührt und den wir uns aufschreiben. Vielleicht stecken wir ihn ins Portemonnaie oder kleben ihn an den Spiegel. Lauter Samenkörner.

Und die Saat geht auf. Nicht jedes Korn, vielleicht nur ein Viertel. Aber immerhin. Es ergeben sich Änderungen daraus im Zusammenleben hier und dort, vielleicht nur im Kleinen. Da entsteht ein anderer vertrauensvollerer Umgang miteinander. Dort setzt sich jemand für mehr Gerechtigkeit ein. Jemand anderes engagiert sich für Frieden. Wieder jemand anders hilft einer Nachbarin, einem Nachbarn, z.B. beim Einkaufen. Auch heute noch kann und wird Barmherzigkeit ganz praktisch gelebt.

Die Samenkörner werden bei niemandem alle aufgehen. Das wäre wohl auch zu viel verlangt. In jedem von uns gibt es Bereiche, die verhärtet sind und steinig, wo nichts wachsen will oder wo die Saat gleich aufgepickt wird. Und wir haben oft so viele Dinge in den Kopf zu nehmen, dass das Wort Gottes überlagert wird von all den anderen Worten und Gedanken, die auf uns einstürmen.

Diese Bedrohungen, denen Gottes Wort auch bei uns ausgesetzt ist, können wir uns aber bewusst machen. Dazu möchte ich noch einmal an den Wochenspruch erinnern: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht. Es gilt also, sich immer wieder neu auf Gott einzulassen, auf sein Wort zu hören und eben nicht hart und abweisend zu werden.

Es wird nicht immer gelingen, wie gesagt, das wäre auch sehr viel verlangt. Und so werden manche Samenkörner nun mal überwuchert werden von Sorgen und Ängsten, von Kleinglauben oder Egoismus. Und es wird auch vorkommen, dass die Geduld nicht reicht, um das eine oder andere Korn reifen und wachsen zu lassen.

Aber da bleiben noch viele Worte übrig, die wachsen und gedeihen können und die uns nähren, die wir unsererseits austeilen können an unsere Mitmenschen: Glauben, Frieden, Hoffnung, Erbarmen, Liebe. Das sind Worte, die uns allen gut tun und die unsere Welt nötig hat. Und so können auch wir etwas beitragen und werden die nächsten, die das Wort aussäen im Vertrauen darauf, dass es Frucht bringt. Amen.

Elke Hotopp

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