Gottesdienst am 13.06. um 10 Uhr

Gottesdienstpredigt

Gnade sei mit Euch und Frieden, von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
 
Predigt zu 1. Korinther 14, 1-12
 
Zungenreden – darum geht es heute unter anderem. Den meisten Menschen heute sicher sehr fremd, schon das Wort. Ein Theologieprofessor von heute, Ulrich Wilckens, übersetzt es für die Zeit als der Brief geschrieben wurde mit „Reden in himmlischen Sprachen“.
Es gab ernst zu nehmende Menschen, die vermuteten, es wäre die Sprachen der Engel. Das glaube ich nicht. Wohl aber glaube ich, dass uns manchmal das Herz übergeht, aus Trauer wie aus Freude, und wir keine Worte mehr dafür haben. In der Bibel steht ausdrücklich, dass der Heilige Geist dann übersetzt, vermittelt, was uns auf dem Herzen liegt. Unsere Worte sind oft wichtig, auch für uns selber, um Klarheit zu finden.
Dass Gott unser Herz versteht – dafür sind sie es nicht.
Wie gut!
Wir heute suchen in solchen Zeiten mehr die Stille vor Gott, vielleicht auch einmal einfach das Weinen oder das Lachen vor Gott. Viele finden das auch in der Musik. Aber auch heute gibt es wieder Christen, die im tiefen Gebet unverstehbare Laute ausstoßen, vielleicht auch singen. Ganze Kirchen, die sogenannten Pfingstkirchen, achten die Gabe, so zu beten, sehr. Obwohl das Pfingstwunder in einem von dieser Art der Zungenrede sehr verschieden war. Denn da haben die Menschen sich nicht über unverstehbare Laute gewundert: Sie haben sich gewundert, dass sie, jeder und jede von ihnen, die Predigt des Petrus in ihrer eigenen Sprache zu hören glaubten.
 
Zungenreden oder Reden in fremden Sprachen ... so lässt es sich nämlich auch übersetzen. Beides ist für die, die zuhören müssen, ohne zu verstehen auf Dauer wenig erbauend. Und, wenn sich die Redenden in Wort fallen, oder nicht aufhören können? Dann ist auch die verständliche Rede, wo wir wirklich miteinander reden könnten, schnell schlecht erträglich. Und in der Richtung scheint in Korinth einiges vorzufallen.
 
Wie schreibt Paulus:
1 Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! (Gemeint ist hier vor allem: verständlich mit Überzeugung über Gottes Willen und seine Taten redet )
2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse.
3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
 
So schreibt Paulus an die Korinther:
Geht liebevoll miteinander um: Fallt Euch nicht ins Wort, hört auch mal auf zu reden oder in Ekstase laut Gott zu preisen…damit auch die anderen zu Wort kommen.
Denn wenn etwas eine echtes Geschenk von Gott ist, eine Begabung, ein Charisma sagt man auch, dann kommt mit der Gabe auch die Gabe, sie zu beherrschen. Zumindest mit Übung. Und die brauchen wir, wenn wir friedlich und gut miteinander leben und Gottesdienst feiern wollen. Sonst geht ja nur alles durcheinander, und keiner versteht mehr irgendetwas.
 
Das waren schon sehr ungewohnte Gottesdienste damals, in Korinth, und sicher auch in den anderen ganz jungen Christengemeinden.
Die junge Christengemeinde war eindeutig aus dem jüdischen Glauben erwachsen. Jesus selber war Jude, und hat bis zu seinem Ende als Mensch als Jude gelebt. Jesus selber hatte immer wieder aus dem jüdischen Gesetz und den jüdischen Propheten gepredigt, sie zitiert, und die Gemeinde setzte das fort. Jesus bezog sich dabei natürlich auf die jüdische Bibel, das Alte Testament – mehr gab es ja noch nicht – und die jungen Christen taten ihm das nach. Und ganz langsam sammelten sich auch spezifisch christliche Erfahrungen, die Lebensgeschichte Jesu als Mensch wurde gesammelt, die Geschichte seiner Jünger und Jüngerinnen. Vermutlich wurde vieles schon aufgeschrieben, aber die ältesten kompletten Schriften in der Bibel im neuen Testament sind einzelne Briefe, so, wie unser Predigttext. Und zusammengetragen und gesammelt und verbreitet wurde das alles in diesen noch so kleinen Hausgemeinden – mit sehr viel Gefühl und Engagement.
Und so etwas klappt auch, mit Gottes Hilfe, besonders, wenn wir dabei friedlich und rücksichtsvoll miteinander umgehen.
 
Strebt nach der Liebe nennt es Paulus.
Damit es gute, schöne Gottesdienste gibt, an denen alle Freude haben können. Dass alle verstehen können, was gesagt wird – denn wie sollten sie sonst gute Gedanken, Trost, vielleicht auch einmal Ermahnung mitnehmen?
Ein bisschen erinnert mich dieses Akzeptieren und Achten der anderen, der respektvolle Umgang, das Stehen lassen verschiedener Arten, mit Gott zu leben und ihn anzubeten an
meine beiden Aufenthalte in Taizé.
Das erste Mal ist viele Jahre her. Unsere Kinder waren noch ganz klein. Es war schwierig, mich für ein ganze Woche freizumachen, aber ich wollte es so gerne einmal erleben.
Es war ein gemischtes Erleben, aber vor allem gut. Nur richtig anstrengend, aber das lag natürlich an meiner Lebenssituation.
Es wurden viele Sprachen dort gesprochen, und in vielen Sprachen gesungen – aber immer stand bei den Gesängen dabei, was wir da gerade sangen. Und wir sangen polnisch, ukrainisch, viel Latein und andere, mir teilweise völlig fremde Sprachen – und wussten doch, was wir da sangen.
Es gab und gibt immer für eine Woche eine Gruppeneinteilung, morgens für viele Gruppen eine Einleitung in das Tagesthema, und dann wurden wir in die Kleingruppen geschickt. Die trafen sich vormittags oder nachmittags für einige Zeit, der Rest, zwischen den Tageszeitengebeten( morgens, mittags und abends) war zur freien Verfügung.
Alles ganz freiwillig, aber für diese Anregungen waren wir ja auch gekommen.
Viele Gespräche, aber auch Ruhezeiten….Es waren bei diesem ersten Besuch nicht so viele deutsch sprechende Gruppen da, und wir mussten in eine englische Einleitung gehen, damals noch unübersetzt, und mein Englisch war noch ziemlich schlecht ... ich erinnere mich, dass da vieles an mir vorbei ging.
Beim 2. Aufenthalt gab es übrigens wieder keine deutsche Großgruppe, aber es wurde für die Deutschen übersetzt.
Glücklicherweise wurden beim ersten Mal die Fragen durch die anderen in der Gruppe vermittelt, und wir hatten ungeheuer bereichernde Gruppengespräche, und auch Einzelgespräche mit deutschsprachigen Gästen.
Sprache ist unheimlich wichtig ... und ohne diese Gespräche wäre ich sicher sehr verloren gewesen in dieser Woche. Zuviel unverständliches hätte ich nicht gut ertragen, zumal sich innerlich viel tat bei mir ... wie auch bei den anderen meiner Gruppe, soviel ich weiß. Es war eine gesegnete Zeit. Ich habe lange davon gezehrt, bin aber erst viel später ein zweites Mal hingefahren.
Taizé hatte und hat eine ungeheure Ausstrahlung und hat vielen in ihrem Glauben sehr geholfen.
Auch deshalb, weil der Geist, den Paulus in unserem Predigttext einfordert, dort erkennbar wirkt.
Es wird achtungsvoll miteinander umgegangen. Fragen werden ernst genommen.
Wir konnten tief nachdenken, und es fand sich Hilfe – so, wie Paulus schreibt: Trost, Ermahnung, und Lehre – und auch praktische Hilfe: Alle tragen etwas bei, und sind sich auch nicht zu schade, das Bad zu putzen oder Geschirr zu spülen – Berge von Geschirr – aber in Gruppe geht das schneller.
Ein bisschen urchristlicher Geist …
Ich hatte es eine ganze Weile vergessen, und es stand mir wieder vor Augen, als ich über den heutigen Text nachdachte.
 
Ich habe dort kein Zungenreden erlebt, aber fremde Sprachen.
Und tiefe Andacht haben viele dort erlebt, auch ich.
Eigentlich gehört sehr persönliches, sehr offenes, vielleicht auch sehr gefühlsbeladenes Beten in einen geschützten Raum. In mein Zuhause, gerne auch ungestört. Oder in den ganz kleinen Kreis. So, wie Paulus das auch voraussetzt. Wenn ich mich so sehr öffne, dann möchte ich mich sicher fühlen, dass keiner über mich lacht, oder meine privaten Dinge breittritt oder ausnutzt. Ich möchte mich geborgen fühlen. Das geht natürlich auch sehr gut still im Gottesdienst, nicht zuletzt in der Predigt, wenn eine Aussage mich ins Weiterdenken und -beten führt und ich kurz aussteige, um alleine zu sein mit Gott über dieser Sache.
Es gibt allerlei Formen zu beten, sehr private und auch mehr öffentliche: Gebetsgemeinschaften, Herzensgebet, liturgisches Gebet – auch das kann sehr bereichernd sein, in seinen verschiedenen Formen. Z.B. auch so, wie in Taizé.
Oder auch ohne äußere Hilfe durch Menschen Stille zu werden vor Gott, sich einfach auszubreiten vor ihm und zu sein ... das können wir auch heute üben.
Alles dies kann helfen, sich Gott immer mehr zu öffnen, ihn um Hilfe zu bitten, zu danken, vielleicht einfach seine Nähe immer mehr zu genießen, aber auch: Sich zurecht weisen zu lassen.
Wie gesagt: Sehr persönliche Gebete gehören in den privaten Raum ... und doch muss es auch sichtbar werden. Zumindest, welche Möglichkeiten und Formen es gibt, wie es geht – oder gehen könnte, wenn es so für mich passt.
Wie kann ich die Freude, die es mir bringt, und die Auferbauung und den Trost für mich alleine behalten? Welche Form der persönliche Andacht, des persönlichen Gebetes es auch gerade ist, die mir besonders am Herzen liegt? Wie sollen andere davon erfahren, was möglich ist, wenn ich nicht doch vorsichtig manchmal davon spreche? So, wie jetzt?
So, wie die Korinther damals mit ihren ekstatischen Gebeten – erklärt und mit Achtung vor persönlichen Grenzen konnte es durchaus auch einen Platz in ihrem Gottesdienst finden.
Nur so, dass alle etwas davon haben – und das wird schwierig, Paulus spricht betreffs der Zungenrede lange davon.
 
Noch ein letztes:
Wie lernen wir beten? Doch meistens von anderen Menschen. Wenn ich Glück habe, schon ganz früh, in der Familie, im Kindergarten, vielleicht aber auch erst als erwachsener Mensch.
Hoffentlich findet sich jemand, der weise und gut –prophetisch sozusagen, darüber redet … heute ja vielleicht auch ein Buch, oder eine Radiosendung. Die meisten von uns haben im letzten Jahr auch Internet oder Fernsehen neu schätzen gelernt.
Empfehlenswert sicher, wenn es wieder geht: Vielleicht einmal ein Meditations-Wochenende von einer empfehlenswerten Einrichtung.
Und da ist natürlich der ganz normale einfach Gottesdienst – jede Woche wieder, und doch für jede Woche neu vorbereitet – ein Ort, einander und Gott zu begegnen. Immer wieder, einfach da. Ein Anknüpfungspunkt ... hoffentlich mit verständlicher Sprache und guter Musik – übrigens: Da können Sie auch einfach nachfragen, wir stehen meistens noch eine Weile nach dem Gottesdienst zusammen, und reden ein bisschen. Fragen Sie, fragt.
Es segne und behüte uns in unserem Fragen und beten und lernen, der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Amen.

Zurück